Auszeit – erste Woche

Nein, ich hab mir kein Sabbatical verordnet. Und ich schau mir auch nicht die große weite Welt an.

Nein. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, mit dem Motorrad an den Chiemsee zu fahren. Jetzt zähle ich ja eher zu den langsamen und vorsichtigen Fahrern. Sicher habe ich den ein oder anderen damit beim Fahren behindert, doch auch das Laufen lernt man nicht auf Fingerschnippen.

Fahrt an den Chiemsee am 08.04.2018

Als ich endlich in Gstadt ankomme, suche ich einen geeigneten Parkplatz. Der linker Hand sieht relativ gut und vor allem eben aus. Also biege ich ab und parke ein.

Als mein Blick auf die Tagesgebühr von vier Euro fällt und ich gegenüber einen viel schöneren Parkplatz sehe, an dem sich Fahrräder und Motorräder gleichermaßen tummeln, steht fest: ich parke um! Noch schnell die Gefahrenlage checken: schlecht einsehbare Kurve links, ein paar Splittsteinchen auf dem Parkplatz. Sollte ich hinbekommen.

Und als ich so sanft anfahre, wird mein Motorrad immer schneller. Und schon hänge ich gegenüber an der Gartenmauer. Ganz perplex realisiere ich: ich hab einen Unfall gebaut! Geistesgegenwertig schalte ich per Notaus das Motorrad aus. Und höre eine Stimme über mir: ich bin Ersthelfer. Ich bleibe bei dir.

Und dann kommen die üblichen Fragen:

  • Wie ich heiße?
  • Woher ich komme?
  • Was passiert ist?
  • Was mir weh tut?

Immer mehr Menschen finden sich rundum ein. Auch ein Sanitäter im dritten Lehrjahr. Schnell ist klar, dass mein Kopf und meine Wirbelsäule heil geblieben sind. Allerdings fühlt sich mein rechter Arm anders an als normal und mein Becken schmerzt enorm.

Die Minuten werden endlos: schließlich wollte ich ja eigentlich grad was trinken gehen. Stattdessen liege ich mit schwarzer Motorrad- und Softshelljacke am Boden und schwitze bei schönstem Sonnenschein.

Ab nach Traunstein

Bald schon trifft der Notarzt ein und der Helm darf nach eingehender Untersuchung ab. Dafür bekomme ich etwas, von dem ich wie die meisten wohl noch nie etwas gehört haben: eine Beckenschlinge. Und ganz ehrlich: ich hoffe, dass ihr das Drum nie kennen lernen müsst…

Dann heißt es rauf auf die Trage und ab in den Hubschrauber. Ich bekomme noch den Hinweis, dass ich keine Platzangst bekommen soll (da war gefühlt eine Sekunde mal der Platz etwas enger…) und schon kann mein erster Heli-Freiflug beginnen. Über mir schönster blauer Himmel und unter mir… Keine Ahnung. Da sehe ich echt Verbesserungspotential. Als ich den Notarzt nach dem Flug darauf antworte, findet er meinen Vorschlag, eine Kamera zu installieren und das Bild am Himmel des Helis zu zeigen, nur teilweise gut. Seiner Meinung nach würden dann vielleicht noch viel mehr mitfliegen wollen…

In der Notaufnahme geht es äußerst professionell zu: die letzten Kleidungsstücke kommen runter und ich darf kurz mit meinen Eltern sprechen, damit sie wissen, dass es mir eigentlich gut geht. Auch den Grillabend bei den Nachbarn sage ich per WhatsApp ab (man hat ja klare Prioritäten im Leben 😉 ).

Dann geht es weiter in den nächsten Raum. Und plötzlich wird mir eiskalt. Meine Zähne schlagen aufeinander und jemand sagt mir, dass ich gleich eine Decke bekomme. Und da ist sie auch schon. Sogar vorgewärmt!

Im Raum vor dem CT schlafe ich dann ein…

… Und wache am nächsten Tag Punkt 12 auf der Intensivstation wieder auf. Mit Magensonde und Beatmungsschlauch im Mund und Fixateuren in Arm und Becken.

Schon kurze Zeit später kommt erst die Magensonde raus und auch der Beatmungsschlauch wird durch ein Sauerstoffröhrchen ersetzt. Meine Zehen kann ich bewegen genauso wie meinen linken Arm. Der Oberkörper lässt sich zentimeterweise nach rechts und links bewegen. Schaut doch gut aus!

Was ich zu dem Zeitpunkt nicht weiß: welche Schmerzen ein Fixateur bedeuten kann… Denn als mir übel wird und ich brechen muss, krampft der gesamte Bauchraum. Bis hinunter zum Becken… Und wer schon die Vorstellung von Metall auf Knochen abschreckend findet… Naja, genau das fühlt man dann auch…

Wer ist hier VIP?

Am nächsten Tag darf ich dank meines stabilen Kreislaufs aus dem Beatmungszimmers mit den vier Betten umziehen. Und habe das Glück quasi die VIP-Lounge der Intensivstation zu bekommen: Einzelzimmer mit Bergblick und einem schönen Panoramafoto der Hofbauernalm an der Kampenwand. Die Alm soll sich in den nächsten Tagen auch als ein Ziel für dieses Jahr heraus kristallisieren. Denn sowohl meinen geplanten Gletscherkurs vom DAV Alpenkranzl als auch den Stubaier Höhenweg mit Freunden muss ich absagen.

Die Tage bis Donnerstag laufen ähnlich: viel Schlaf, ein wenig Dokus auf Tagesthemen24, 3Sat und Co. Dann Schmerzen im Becken beim Drehen, die zunehmend besser durch die verschiedenen Schmerzmittel in Schach gehalten werden.

Ich durchlebe Höhen und Tiefen. Mal stelle ich mir euphorisch vor, wie jeder Fußwackler ein Schritt auf den Berg vor meinem Fenster sei. Mal frage ich mich, warum andere Patienten so viel mehr Aufmerksamkeit als ich bekommen…

Abspann der ersten Tage

PS: diese Serie soll nicht dazu dienen, dass ich möglichst viele Genesungswünsche oder dergleichen bekomme. Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt etwas poste.

Ich kann mir allerdings gut vorstellen, dass einige ähnliche Erfahrungen machen und dann ist es gut, wenn man merkt, dass man nicht alleine ist. Somit hoffe ich, dass ich ein wenig Mut machen kann…

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