Die gefühlte Besteigung des Mount Everest – Kaisertour Tag 2

Vorderkaiserfeldenhütte (1388 m)

Natürlich wissen wir: für unsere heutige Wanderung brauchen wir eine gute Grundlage! Und deshalb stärken wir uns auch ausgiebig am Frühstücksbuffet. Was es nicht alles gibt: Brot, Aufbacksemmeln, verschiedene Müslis und Cerealien, Kuchen, Wurst, Käse, Eier, Nußnougat-Aufstrich, Butter, Marmelade, Äpfel, Orangen, Wassermelone, Joghurt, Milch, Tee, Kaffee und und und. Und das Ganze für 10 Euro.

Gegen 08:45 brechen wir Richtung Stripsenjochhaus auf. Gerade mal knapp 200 Meter höher. Doch wir wissen: dazwischen geht es erstmal auf uns ab!

Die Naunspitze und das Petersköpfl lassen wir aus, da wir bereits am Vortag dort vorbeigeschaut haben.

Hinterkaiserfeldenalm (1480 m)

Da uns der Weg von der Hinterkaiserfeldenalm gut gefallen hat und sie sowieso Richtung Stripsenjochhaus liegt, ist das für heute unsere erste Etappe.

Hinterkaiserfelden
Hinterkaiserfeldenalm

Auch wenn das Wetter nicht ganz so gut ist wie am Nachmittag davor, sind wir optimistisch, dass die Sonne sich gegen die Wolken durchsetzen kann. Und da noch keiner über Muskelkater oder sonstige Zipperlein klagt und wir gut in der Zeit liegen, entscheiden wir uns für die anspruchsvolle Variante: über die Pyramidenspitze wollen wir zum Stripsenjochhaus.

Pyramidenspitze (1997 m)

Ein schmaler Pfad führt uns langsam, aber sicher nach oben. Und mit der Höhe nimmt das Grün der Weiden ab. Zuerst geht es über Geröllfelder. Dann werden diese immer mehr von Schnee überzuckert.

Mit der Zeit zeigt uns allerdings der Zahme Kaiser, zu dem auch die Pyramidenspitze gehört, seine wilde Seite: die Sonne nimmt ab, der Schnee nimmt zu. Ok, Gamaschen haben wir ja zum Glück im Rucksack. Jetzt also an den Schuhen. Die Temperatur fällt ebenfalls mit zunehmender Höhe. Also Mütze auf den Kopf.

Als der Wind immer mehr pfeift und der Schnee so tief wird, dass wir ab und an stecken bleiben, wissen wir: einfach geht anders! Nur umkehren möchten wir auch nicht. Wenn wir weitergehen, haben wir immerhin eine 50:50-Chance, dass der Weg einfacher ist. Denn schließlich kommen wir bei der Pyramidenspitze an die Stelle, bei der sich der Weg von der Naunspitze mit unserem verbindet und wir Richtung Stripsenjoch weiterkommen.

Aufgrund des zunehmenden Schnees sind die Wegmarkierungen weitgehend unsichtbar und wir sind dankbar, dass unser inoffizieller Guide neben Trittsicherheit auch ein GPS-Gerät dabei hat, das uns vor dem Verlaufen schützt.

Besondere Freude überfällt uns, als wir beim Vogelbad ankommen: etwa 5 Meter geht es in die Tiefe. Zwar mit Drahtseil gesichert, doch das hängt gefühlt in zwei Meter Höhe. Herzlichen Dank nochmals, dass wir zwei Mädels mehr oder weniger einzeln über diese schwierige Stelle „getragen“ wurden. Genauer gesagt: wir durften unsere Rucksäcke und Stöcke an unseren „Guide“ übergeben und bekamen Tipps, wo wir unsere Füße am besten hinstellen , damit wir trotz Schnee und Kälte den Kopf nicht verlieren – im wahrsten und übertragenen Sinne des Wortes. Denn zumindest mein Kopf hat ganz klar gesagt: du willst hier nicht ernsthaft runter!!!

Und endlich! Wir sehen in der Entfernung jemanden herumlaufen! Wir sind nicht mehr ganz allein in diesem windumtosten Gebiet, das uns immer mehr an die Besteigung des Mount Everests als an die“Kaiserliche Traumtour für Jung und Alt“ (O-Ton DAV-Broschüre) erinnert. Fehlt eigentlich nur noch das Sauerstoffgerät…

Ich frage mich immer mehr, wie ich nur auf die glorreiche Idee kommen konnte, dass die „anspruchsvolle Variante“ sicherlich interessanter ist als der „langweilige“, da einfachere Höhenweg…

Der Gipfel der Pyramidenspitze entlockt uns zwar ein kleines Glücksgefühl, doch was wir sehen, ist eines: weiß! Kein Weg weit und breit (abgesehen von unseren Fußspuren)!

Und so machen wir auch keine große Pause, um den nicht-vorhandenen Ausblick zu genießen, sondern setzen unsere Tour durch den Schneegriesel fort.

Nach wenigen Metern treffen wir auf die Person, die wir davor gesehen haben: eine Frau, alleine… Und sie freut sich riesig, uns zu treffen, denn: sie hat sich verlaufen! Na, das sind ja super Voraussetzungen für uns! Ab sofort sind wir also zu viert unterwegs, da wir das gleiche Ziel und einen „Guide“ inklusive GPS-Gerät haben. Die Wegmarkierungen sind weiterhin kaum sichtbar (und wenn doch legen wir sie gleich für nachfolgende Wanderer komplett frei…) und wir stapfen durch teilweise hüfthohen Schnee immer weiter bergab.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen uns zwei Männer entgegen: ja, sie sind vom Anton-Karg-Haus gestartet. Und nein, sie haben sich nicht verlaufen. Wir können uns also an ihren Fußspuren orientieren, da wir – zumindest noch eine Zeit lang – genau in diese Richtung müssen.

Abstieg_Pyramidenspitze_Blume

Mit zunehmendem Abstieg geht auch die Schneehöhe zurück und unsere Zuversicht steigt wieder. Wir bewundern, wie die Pflanzenwelt dem Schnee und der Kälte trotzt.

Der Weg geht immer mal wieder auf und ab. An einer sonnigen Stelle ohne jeglichen Schnee machen wir Rast und füllen unsere Energiereserven auf. Und siehe da: immer mehr Leute kommen vorbei, da hier die Kreuzung des „einfachen“ Höhenwegs und der Einstiegsstelle zur Pyramidenspitze ist. Scheinbar gehören wir wirklich zu den wenigen „Verrückten“, die sich das bei dem Wetter angetan haben.

Hochalm (1402 m)

Mit neuer Kraft machen wir uns auf, um über matschige Wiesen und kleine, übersichtliche Schneefelder das Stripenjochhaus zu erreichen. Dazwischen darf natürlich auch eine kleine Schneeballschlacht für die gute Laune nicht fehlen.

Nur anscheinend hat da jemand (genauer gesagt: der Wettergott) etwas missverstanden: es fängt wieder an zu schneien und die Sicht wird wegen der Wolken wieder weniger. Verbissen kämpfen wir uns weiter. Denn irgendwann muss die Hütte ja kommen. Und tatsächlich: da vorne sehen wir sie! Kann ja nicht mehr lange dauern!

Doch ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht: zahlreiche Schlenker liegen noch zwischen uns und der Hütte. Und obwohl sie „so nahe“ geschienen hat, brauchen wir noch einige Zeit, bis wir sie erneut sehen und endlich die letzten Meter in Angriff nehmen.

Stripsenjochhaus (1577 m)

Immerhin haben wir noch ausreichend Energie, um scherzhaft zu überlegen, ob wir unser Abendessen bei dem tollen Ausblick lieber nach draußen verlagern wollen.

Drinnen freuen wir uns auf unser Zimmer und kaufen erstmal ein paar Duschmarken, um uns nach dem heutigen Tag wieder aufzuwärmen. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: wir finden nur die Duschen im Nebengebäude. Heißt für uns: erstmal die 200 Meter hinüber und nach dem Duschen wieder zurück laufen. Brrrr!

Für weitere Unternehmungen sind wir zum Einen zu müde und zum Anderen ermutigen uns die 2 Grad Außentemperatur (ob plus oder minus konnten wir nicht entscheiden) nicht gerade dazu, noch viel unternehmen zu wollen. Und so sitzen wir um 19 Uhr in der Stube und bestellen erstmal Abendessen. Bei mir gibts Speckknödelsuppe und ein Radler. Lecker! Und netterweise bekommen wir sogar noch etwas Kaiserschmarrn zum Nachtisch gesponsert – als Dankeschön, dass wir nicht einfach zu dritt an der Pyramidenspitze weitergestapft sind, sondern wir uns in eine Vierergruppe „verwandelt“ haben.

Das anschließende Uno zeigt ziemlich schnell, wie müde und erschöpft wir sind: eine 4Plus-Karte bringt niemanden dazu, tatsächlich vier Karten zu ziehen. Und so fallen wir um 21 Uhr ins Bett, bevor unser Kopf selbiges in der Stube mit dem Ziel Tisch (statt Bett) vollführt.

Höhenmeter, Kilometer, Wanderzeit?

Effektiv haben wir gerade mal 200 Höhenmeter geschafft. Tatsächlich waren es wohl wieder über 1100 Höhenmeter (in Worten: ELFHUNDERT!!!). Kilometer: viele, sehr viele!

Und wenn man bedenkt, dass wir um 08:45 gestartet und wohl gegen 17-18 Uhr bei der Hütte angekommen sind (wir haben hier nicht mehr auf die Uhrzeit geschaut, sondern uns einfach gefreut, dass wir das geschafft haben), dann war es einfach ein sehr langer Tag. Lange Pausen haben wir – bis auf das sonnige Fleckerl – nicht gemacht, allerdings wollten wir auch beim Gehen keinen Geschwindigkeitsrekord brechen. Das hätten wir gerade bei dem Tiefschnee nicht geschafft.

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